Full House (10/10/10) review in Klassik Heute on "The Percussion Universe of Axel Borup-Jørgensn"
Klassik Heute Magazine
14 November 2009
Klassik Heute, Germany
Das innovative dänische Label OUR Recordings hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder um die Musik der Gegenwart verdient gemacht. Ein ganz besonderes Projekt, das sich der Musik des großen dänischen Komponisten Axel Borup-Jørgensen (1924-2012) widmet,ist für OUR Recordings ganz offensichtlich eine wirkliche Herzensangelegenheit.Axel Borup-Jørgensen war so etwas wie die „stille Eminenz", der „Grand Old Man" der dänischen Moderne. Er zählte 1959 zu den ersten dänischen Komponisten, die die Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik besuchten. Die Begegnung mit dieser neuen Klangwelt hat tiefe Spuren in seinem Schaffen hinterlassen, jedoch komponierte er nie streng seriell, sondern ließ sich in seiner kompositorischen Arbeit stets von Intuition und seinem außerordentlichen Klangsinn leiten. Seine Musik kennt feinste melodische Verästelungen ebenso wie zupackende, dramatische Eruptionen, so etwa in seinem orchestralen Hauptwerk Marin (1970) oder der Musica autumnalis aus dem Jahr 1977.
Eine Serie von (in jeder Hinsicht) exemplarischen Einspielungen seiner Werke fand mit einer Auswahl von Borup-Jørgensens Blockflötenmusik im Frühjahr dieses Jahres ihren Auftakt.Die nun vorliegende zweite CD widmet sich dem (so der Titel) „Schlagzeug-Universum" des Komponisten. Der Begriff „Universum" ist tatsächlich nicht zu hoch gegriffen. Borup-Jørgensen hat in Jahren stiller Arbeit seine ureigene Klangwelt erschaffen und unbeirrbar konsequent zu einer eigenständigen, keiner Mode des 20. Jahrhunderts nachhechelnden Musiksprache gefunden. Nichts könnte dies besser demonstrieren als seine ur-idiomatische und facettenreiche Schlagzeugmusik: herb, von starker Geste, kantig auch zuweilen, andererseits aber auch zart und sinnlich.
Mit Gert Mortensen hat dazu man einen der weltweit führenden Perkussionisten gewinnen
können, aber man täte den anderen Interpeten der CD unrecht, ließe man sie unerwähnt: die weltbekannte Blockflötenvirtuosin Michala Petri ist ebenso zu hören wie der geniale
Bratscher Tim Frederiksen, das Blechbläserquintett des Dänischen Nationalorchesters, die
chinesische Schlagzeugerin Qiao Jia Jia und das Percurama Percussion Ensemble. Ohne
Übertreibung: Musiker von Weltrang.Aufgrund der vielfältigen Klangkombinationen wirkt die zweite Folge der Borup-Jørgensen-Edition dramaturgisch noch schlüssiger und überzeugender als die erste. Das schon für sich allein außerordentlich reich besetzte Schlagwerk wird in den verschiedenen Stücken von Solo-Viola, Blockflöte, Ensemble, einem zweiten Schlagzeugapparat und Blechbläserquintett ergänzt.
In Solo op. 88 aus dem Jahr 1979 begegnet uns eine breite Palette an
Perkussionsinstrumenten, u.a. diverse Gongs, Becken, Trommeln, Marimba- und Vibraphon, Zymbeln und gestimmte Flaschen. Dies alles gleichzeitig zu bedienen und zu koordinieren, ist schon für sich allein eine Meisterleistung. Mortensen zelebriert dieses Werk geradezu mit großem Ernst und unbedingter Leidenschaft.
Die Musik für Schlagzeug und Viola op. 18, ein frühes Werk des Komponisten, entstand
bereits Mitte der Fünfziger Jahre, noch vor Borup-Jørgensens Darmstadt-Aufenthalt. Im
Vergleich zu späteren Werken wirkt die Klangsprache hier noch linearer, motorischer und
weniger fragmentarisch, Musik von außerordentlicher Expressivität und zuweilen elegischem Duktus. Der fabelhafte Bratscher Tim Frederiksen verleiht dem Werk mit herrlich sonorem Ton besonderen Ausdruck.
In La Primavera op. 97 für Schlagzeug-Duo setzt sich in gewisser Weise die Klangwelt des
Solos fort und erweitert sie durch andere Farbakzente: geheimnisvoll-düstere Gong- und
Beckenschläge, silbrig-zarte Crotales und kraftvoll-energetische Trommel- bzw. Tom-Tom-
Passagen entladen sich schlussendlich in großflächigen, ekstatischen Klangflächen. Gert
Mortensen und Qiao Jia Jia ergänzen hier einander perfekt.
Borup-Jørgensens Duo für Blockflöte und Schlagzeug Periphrasis ist bereits auf der ersten
CD enthalten, wurde aber eigens für die zweite Folge noch einmal neu produziert. Die Mühe hat sich gelohnt: vieles wirkt nochmals verfeinert in der Interaktion, sinnlicher.
Winter Music für Schlagzeug und Blechbläserquintett zählt zu den faszinierendsten Stücken der CD: eine Musik der gedeckten Farben (die Blechbläser spielen meist sordiniert), sich verzahnender Signal-Motive, die eine fast surrealistische Atmosphäre schafft.
Ich möchte diese Aufnahme wärmstens empfehlen. Es lohnt sich, in das eigentümliche Klang-Universum Borup-Jørgensens einzutauchen, das mit jedem erneuten Hören neue Geheimnisse preiszugeben scheint. Eine in jeder Hinsicht phänomenale Produktion, eine CD der Superlative, die an musikalischer wie klangtechnischer Perfektion kaum noch zu überbieten sein dürfte. Darüber hinaus bietet das graphisch und inhaltlich sorgfältigst edierte Beiheft in englischer Sprache eine Fülle von nützlichen Informationen zum Komponisten, den Werken und Interpreten. Man kann also mit Spannung einer Fortsetzung dieses verdienstvollen Projekts entgegensehen.
Heinz Braun
(30.09.2014)
Wertung: 10 / 10 /10
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