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Magazine Klassisk.com, Germany - Hervorragend interpretiert und aufgenommen.

Christian Vitalis

Ungewöhnliche Besetzung: Blockflöte und Vokalensemble. Vier Kompositionen zeitgenössischer "nordischer" Komponisten demonstrieren das enorme Potenzial dieser interessanten Kombination. Hervorragend interpretiert und aufgenommen.
Die dänische Blockflötistin Michala Petri ist nicht nur eine technisch versierte Interpretin, sondern – und das unterscheidet sie von so manchem Virtuosen – stets neugierig und bereit, unbekannte Wege zu beschreiten und Neues zu entdecken. Bisweilen wirkt sie überhaupt erst anregend. Davon gibt die aktuelle Platte, die wieder beim Label OUR Recordings als klangtechnisch perfekt gestaltete SACD erschienen ist, beredtes Zeugnis ab, denn gäbe es Michala Petri nicht, gäbe es nicht nur diese Aufnahme nicht, sondern wohl auch nicht die eingespielten Werke. ‚Normal’ ist hier nichts; allein die Besetzung kündet von Außergewöhnlichem: Blockflöte und Vokalensemble. Dass viele Blasinstrumente, insbesondere aber die Blockflöte, der menschlichen Stimme nahe stehen, ist bekannt. Unproblematisch ist die Kombination jedoch nicht, und meist wird das Instrument zum bloßen Beiwerk degradiert. Von diesen Schwierigkeiten zeugen auch die vier zeitgenössischen Kompositionen, die es hier zu entdecken gilt.
Vom Einzelwerk zum Projekt
Den Ausgangspunkt für das ganze Projekt bildet Daniel Börtz (geb. 1939) mit 'Nemesis divina', das 2006 komponiert und ein Jahr später mit Michala Petri uraufgeführt wurde. Der schwedische Komponist hat in seinem Werk Teile aus dem gleichnamigen Text des Naturforschers Carl von Linné vertont, der um theologische Fragen kreist. Die ungewöhnliche Besetzung regte nun zu weiteren Kompositionen verschiedenen Zuschnitts an. Der Lette Ugis Praulins (geb. 1957) hat 2010 eine neunteilige Vertonung von Hans Christian Andersens Märchen von der Nachtigall, das bereits Igor Strawinsky in Musik gebracht hat, vorgelegt. Von Sunleif Rasmussen (geb. 1961), einem Komponisten von den Fär-Inseln, stammt das 2011 komponierte 'I' auf schwierige, philosophisch durchdrungene Verse von Inger Christensen, deren Zahlenspiele Ausgangspunkt des kompositorischen Materials wurden. Es erleichtert das Verständnis nicht, dass die Verse Christensens selbst ein Reflex auf ‚Eine Amsel dreizehnmal gesehen‘ von Wallace Stevens darstellen. Ebenfalls 2011 schrieb der dänische Komponist Peter Bruun seine '2 scenes with skylark' auf Gedichte von Gerard Manley Hopkins. Es sind also Texte verschiedensten Inhalts und Stils, die als Ausgangspunkt zur Komposition dienten. Es fällt jedoch auf, dass in drei von vier Fällen ein Vogel eine wesentliche Rolle spielt; das ist sicher kein Zufall, bietet sich die Blockflöte doch perfekt an, die Vogelstimmen zu imitieren, von denen im Text die Rede ist. Da sind wir bei der eingangs erwähnten Problematik, denn in allen vier Stücken spielt die Blockflöte eine untergeordnete Rolle. Gesungen werden alle Texte übrigens in englisch, und auch das großzügig gestaltete und reich bebilderte Booklet bietet lediglich englischsprachige Einführungstexte.
Musikalisches Märchen
Dass vier verschiedene Komponisten zu vier verschiedenen Themen eine je eigene Musik schreiben, liegt auf der Hand. Hauptwerk der Platte ist Praulins 'Nachtigall' mit ca. 25 Minuten Dauer. Das Stück hat eine in dieser zwingenden Form unerwartet unmittelbare Wirkung und ist der beste Beweis für das Potenzial, das in dieser Besetzung liegt. Der Komponist verlangt insbesondere dem Chor einiges ab; das Stück lebt vom blitzschnellen Wechsel verschiedener Stimmungen und Stile, um dennoch einen ungemein geschlossenen und ‚stimmigen’ Eindruck zu hinterlassen. Das mit hervorragenden Stimmen ausgestattete Danish National Vocal Ensemble meistert diese Partitur unter der Leitung von Stephen Layton mit Bravour. Während Andersens Märchen im Fernen Osten spielt, gibt es im vertonten Text keine Hinweise auf Nationalitäten, und in der Musik fehlt zum Glück das für Komponisten früherer Generationen zweifelsohne unvermeidliche Lokalkolorit. Praulins fängt die märchenhafte Atmosphäre auf ‚universell’ klingende Weise perfekt ein: die Stimmung des ‚es war einmal’ wird durch Versatzstücke wie z. B. Kadenzformeln alter Vokalpolyphonie evoziert. Die Tonsprache der anderen Werke ist dem jeweils schwierigeren Sujet angemessen; diese Werke entfalten zwar keine so unmittelbare Wirkung, sind gegebenenfalls aber – im Detail betrachtet und analysiert – substanzieller.
Hervorragende Leistung aller Beteiligten
Die Leistung des dänischen Vokalensembles wurde bereits gewürdigt. Es verdient Anerkennung, in welch treffender Weise dieser Chor zwischen verschiedenen Stimmungen und Gesangstechniken changieren kann, wie unmittelbar sich der Klang vom homogenen Chorklang wandeln kann zu einem aufgefächerten Panorama, in dem jede Einzelstimme klar vernehmbar ist. Michala Petri, der – wie bereits angedeutet – unterm Strich weniger Aufgaben zufallen, als man von einem reinen Soloprogramm erwarten würde, meistert selbige mit der von ihr bekannten Bravour. Vieles in dieser Musik entfaltet angesichts der süß-traurigen, wunderschön gesungenen Vogelstimmen erst seine volle Wirkung. Christian Vitalis 23.01.2012

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