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Klassik Heute a great 10/10/10 review



Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität: 10
Gesamteindruck: 10

„Wie kann man im 21. Jahrhundert originell und anspruchsvoll für Blockflöte komponieren?“ mag sich Sunleif Rasmussen – der einzige je auf den Färöer-Inseln geborene Komponist –, der am 19. März 2020 seinen 60. Geburtstag feierte und in Skandinavien hohes Ansehen als Sinfoniker genießt, gefragt haben. Zumal dann, wenn sie der Grande Dame des Instruments, mit der man auch noch eng befreundet ist, gefallen müssen. Lustiges Geräuschemachen mit Spucken, Hüpfen und Trampeln? Kann mittlerweile jeder! Stilkopie? Haben andere schon gemacht. Minimal Music mit Folk-, Pop- und Jazz-Anklängen? Vielleicht, aber dann nur als Farbtupfer in einem größeren Kontext. Schauen wir also, was dabei herauskam:
FLOW ist eine neoklassizistische Antwort auf die zur Mozart-Zeit außerordentlich beliebten Quartette für Flöte und Streichtrio. Der Kopfsatz persifliert die klassische Sonatenhauptsatzform durch eine Flötenuhr mit schwacher Feder. Im Zentrum des Mittelsatzes steht eine naturmystische Episode, in der Streicherflageoletts und gleichzeitiges Singen und Spielen auf der Blockflöte – mich erinnert das an den Joik in Lappland – die Zeitempfindung fast aufheben. Das Rondo-Finale nimmt den Duktus von Strawinskys „Apollon musagéte“ auf.
Wie gut Solo-Blockflöte und ein virtuoses Vokalensemble (A,T solo 2SATB) harmonieren können, beweist I(„Jeg“), in dessen Text es um ein Paar geht, bei dem der Mann sich mit einer singenden Amsel (Blockflöte B, T, A, S im Wechsel) gleichsetzt. Bezüglich des Vokalsatzes standen Gesualdo hinsichtlich der grenztonalen Harmonik und Wagner in der Behandlung der Alt und Tenor-Soli mit Kreuzungen und klanglich ähnlicher Lage (A: tief, T: hoch) Pate.
Geschichte der Variation
Die „Sorrow and Joy Fantasy“ besteht aus 12 Variationen über ein wahrscheinlich französisches Menuett (um 1670), zu dessen Melodie in Dänemark der Choral „Sorrig og Glæde“ gesungen wird. Rasmussen beginnt mit der Variationstechnik der Entstehungszeit – J. J. van Eyck grüßt freundlich herüber – und entwickelt die Tonsprache über Telemann und die Wiener Csakan-Virtuosen der Schubert-Zeit bis in durchchromatisierte moderne Gefilde. Durch das Festhalten am Zentralton D und die relativ langsame Entwicklung ergibt sich hier ein Berührungspunkt zum Minimalismus. Dieses über gut 10‘ fast pausenlos durchlaufenden Kontinuum im Konzert darzustellen, bedarf einer exzellenten Atemtechnik und einer transzendenten Konzentration bis zum „dicken Ende“ am Schluss.
Färöer-Orkan
Wie ein Orkan fegen die Solo-Streicher (7 Vl., 3 Va., 2 Vc., Cb) in „Winter Echoes“ über die zaghaften Einwürfe der Bass-Flöte hinweg. Diese setzt sich dann mit einem schnellen Wechsel auf das Tenor- und später Alt-Instrument durch. Aus einem Gasthaus hört man Fragmente einer Polka. Die Wogen beruhigen sich zu sanftem Gekräusel, über dem auf der Sopranino-Flöte ein virtuos verspielter Vogelgesang ertönt.
Viele der obigen Elemente finden sich bereits in den „Territorial Songs“, dem Konzert für Blockflöte und Sinfonieorchester, das von einer älteren Aufnahme für die Geburtstagsanthologie übernommen wurde. So sind das gleichzeitige Singen und Spielen, der rhythmische Drive – der hier besonders von der reich besetzten Schlagzeuggruppe ausgeht – die teilweise vertrackte Polyrhythmik und die Schlüssigkeit der Verläufe hier schon im Kern vorhanden und fassen die bereits vorher gehörten Elemente am Ende der CD noch einmal zusammen.
Alle Werke sind flötistisch vor allem deshalb höchst anspruchsvoll, weil Rasmussen die zwei Oktaven+Terz der einzelnen Stimmvertreter chromatisch voll ausnutzt, wenig Zeit für die Wechsel lässt, schnelle offenliegende Legato-Figuren ohne viel Rücksicht auf günstige Griffverbindungen notiert, die höchste Ansprüche an die Präzision stellen, da jede Schlamperei sofort hörbar würde. Daneben finden sich extrem schnelle Doppelzungen-Passagen und Glissandi, die immer noch poetisch und niemals geräuschhaft klingen dürfen. Etwas, was ungefähr ähnlich klingt, zu improvisieren, was bei vielen avantgardistischeren Werken höchstens dem Komponisten auffallen mag, funktioniert in Rasmussens Kompositionen keinesfalls.
Selbstverständlich sind diese Herausforderungen bei Michala Petri bestens aufgehoben, tonschöneres, eleganteres Blockflötenspiel lässt sich schwerlich denken. Auch sind ihre Partner mit derselben Virtuosität, Konzentration und Aufmerksamkeit bei der Sache und es gelingt in jedem Stück, sowohl die halsbrecherische als auch die poetische Botschaft zu transportieren. Ein Extra-Lob geht an das „Danish National Vocal Ensemble für die phantastische Intonationssicherheit und den dynamisch weitgespannten Klang in „Jeg“.
Leider liegt der Booklet-Text nur auf Englisch vor. Da aber eine mehrsprachige Version der sehr ausführlichen Analysen der einzelnen Werke entweder einen nur mit der Lupe lesbaren Druck oder einen teuren dicken Wälzer erfordert hätten, enthalte ich mich des Punktabzugs. Aufnahmetechnisch ist der relativ niedrige Aufsprechpegel der SACD-Stereo-Spur anzumerken, aber ansonsten nichts zu kritisieren.
Fazit: Wer Zeitgenössisches – bei dem Verläufe noch erlebbar sind – sucht, um sich davon berühren zu lassen, möge hier unbedingt zugreifen. Für Blockflötisten, die wissen wollen, wie vertrackteste Figuren ohne Allüre, mit Eleganz sowie optimaler Klangschönheit auf unterschiedlichen Instrumenten gespielt werden müssen oder die nach einem geeigneten Werk für Hochschulabschluss und Kammermusikprogramm suchen, ist es ein Pflichtkauf. Ebenso für ambitionierte Vokalensembles. Klare Empfehlung!Thomas Baack 20.03.2021
www.klassik-heute.de/4daction/www_medien_einzeln?id=23555

Google Translation
Sunleif Rasmussen - the only composer ever born on the Faroe Islands - who celebrated his 60th birthday on March 19, 2020 and is highly regarded in Scandinavia as a composer, says: "How can you compose for the recorder in an original and challenging manner in the 21st century?" Symphonic musician enjoys having asked. Especially when they have to please the grande dame of the instrument, with whom one is also close friends. Funny making noises with spitting, hopping and trampling? Everyone can now! Style copy? Others have already done it. Minimal music with echoes of folk, pop and jazz? Maybe, but then only as a splash of color in a larger context. So let's see what came out of it:
FLOW is a neoclassical answer to the extremely popular quartets for flute and string trio in Mozart's time. The first movement satirizes the classic sonata form with a flute clock with a weak pen. At the center of the middle movement is an episode mystical to nature, in which the string flute and simultaneous singing and playing on the recorder - that reminds me of the joik in Lapland - almost cancel out the sense of time. The rondo finale takes up the style of Stravinsky's “Apollon musagéte”.
How well a solo recorder and a virtuoso vocal ensemble (A, T solo 2SATB) can harmonize is demonstrated by I ("Jeg"), whose text is about a couple in which the man is with a singing blackbird (recorder B, T , A, S alternately) equates. With regard to the vocal setting, Gesualdo was the godfather in terms of the harmonic harmony and Wagner in the treatment of the alto and tenor solos with crossings and tonally similar positions (A: low, T: high).
History of variation
The “Sorrow and Joy Fantasy” consists of 12 variations on a probably French minuet (around 1670), to the melody of which the chorale “Sorrig og Glæde” is sung in Denmark. Rasmussen begins with the variation technique of the time of origin - J. J. van Eyck greets them kindly - and develops the tonal language via Telemann and the Viennese Csakan virtuosos of the Schubert period up to the fully chromated modern realms. By sticking to the central tone D and the relatively slow development, there is a point of contact with minimalism. To present this continuum, which runs almost continuously over a good 10 ‘, in a concert requires excellent breathing technique and transcendent concentration right up to the“ big end ”at the end.
Faroe hurricane
Like a hurricane, the solo strings (7 Vl., 3 Va., 2 Vc., Cb) in “Winter Echoes” sweep over the timid interjections of the bass flute. This then asserts itself with a quick change to the tenor and later alto instrument. Fragments of a polka can be heard from an inn. The waves calm down to gentle ripples, above which a virtuoso, playful bird song can be heard on the sopranino flute.
Many of the above elements can already be found in the "Territorial Songs", the concerto for recorder and symphony orchestra, which was taken over from an older recording for the birthday anthology. The simultaneous singing and playing, the rhythmic drive - which comes from the richly occupied percussion group here - the sometimes intricate polyrhythmics and the coherence of the sequences are already present in the core and summarize the elements already heard before at the end of the CD .
All works are highly demanding in terms of flaut, primarily because Rasmussen fully uses the two octaves + third of the individual representatives chromatically, leaves little time for the changes, notes down fast exposed legato figures without much consideration for favorable fingering connections, the highest demands on precision as any sloppiness would be immediately audible. In addition, there are extremely fast double-reed passages and glissandos, which should still sound poetic and never noisy. To improvise something that sounds roughly similar, which in many more avant-garde works may at most strike the composer, does not work at all in Rasmussen's compositions.
Of course, these challenges are in good hands with Michala Petri, it is difficult to imagine more beautiful, elegant recorder playing. Her partners are also on the matter with the same virtuosity, concentration and attention and each piece succeeds in conveying both the breakneck and the poetic message. Extra praise goes to the “Danish National Vocal Ensemble” for the fantastic intonation security and the dynamic, wide-ranging sound in “Jeg”.
Unfortunately the booklet text is only available in English. But since a multilingual version of the very detailed analyzes of the individual works would have required either a print that could only be read with a magnifying glass or an expensive thick tome, I refrain from deducting points. In terms of recording, the relatively low recording level of the SACD stereo track should be noted, but otherwise nothing to criticize.
Conclusion: If you are looking for something contemporary - in which processes can still be experienced - in order to be touched by it, you should definitely grab it here. It is a must for recorder players who want to know how the most tricky figures without allure, with elegance and optimal sound beauty must be played on different instruments, or who are looking for a suitable work for a university degree and chamber music program. Also for ambitious vocal ensembles. Clear recommendation! Thomas Baack March 20th, 2021