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Klassik.com, Germany "Zwei 1890er Vor allem Martinus Chorwerke werden selten interpretiert. Die großartige Messe von Frank Martin leuchtet kammermusikalisch intensiv. Nach der mehr als beachtlichen Messiaen-Platte erneut eine schöne Visitenkarte des Nationalen Dänischen Vokalensembles."

April 29, 2018

Dr. Matthias Lange , Klassik.com, Germany

Zwei 1890er
Vor allem Martinus Chorwerke werden selten interpretiert. Die großartige Messe von Frank Martin leuchtet kammermusikalisch intensiv. Nach der mehr als beachtlichen Messiaen-Platte erneut eine schöne Visitenkarte des Nationalen Dänischen Vokalensembles.

Die berühmte Messe für Doppelchor von Frank Martin, in wesentlichen Teilen entstanden 1922, ist einer der Dreh- und Angelpunkte geistlicher Chormusik im 20. Jahrhundert: In ihrem Charakter intim und tiefgehend, von fast verstörend intensiver Geste und mit diesen Eigenschaften wohl besonders passend in das zerklüftete, von Konflikten erschütterte 20. Jahrhundert. Satztechnisch ist sie kaleidoskopartig reich, harmonisch überwältigend – ein wenig kann man es auch heute noch nachempfinden, dass dieses persönliche Bekenntniswerk für Frank Martin jahrzehntelang zu intim für die öffentliche Aufführung schien. Dokumentiert ist sie vor allem in den letzten beiden Jahrzehnten in etwa einem Dutzend, teils herausragenden Aufnahmen. Doch lädt sie selbstverständlich zur Neuinspektion ein: Marcus Creed und das professionelle Nationale Dänische Vokalensemble haben sich jetzt daran gemacht.
Kombiniert wird die Messe mit den englischsprachigen 'Songs of Ariel', die Martin 1950 nach Vorlagen des Shakespeare-Stücks ‚Der Sturm‘ schrieb: Sie zeigen einen weit virtuoseren Zugriff auf das chorische Geschehen, führen auch in deutlich expressivere Gefilde, garniert mit harmonisch heiklen Verbindungen.
Auf der aktuellen Platte wird Martin mit seinem gleichfalls 1890 geborenen Altersgenossen Bohuslav Martinů in einen spannenden Kontext gestellt. Martinůs 'Four Songs of the Virgin Mary' entfalten sich aus schlichten musikalischen Grundlagen, werden effektvoll in einen oft homophonen Satz übertragen, auch mit kontrapunktischen Rauheiten versehen, die intensive Bewegung evozieren und aus der Ruhe der tschechischen Volkspoesie wegführen, die anfangs noch bestimmend war. Ende der 1950er Jahre komponierte Martinů auf Texte eines Jugendfreunds vier Kantaten, eine davon unbegleitet – 'Romance from the Dandelions' betitelt, die hier das Programm beschließt. Ein melancholischer Blick zurück auf das eigene, von fortgesetzter Flucht geprägte Leben setzt den Ton. Der weit aufgefächerte, luftig gesetzte Chor hat zunächst scheinbar schlichte Aufgaben, die es mit würziger Harmonik und heiklen Klängen von edler Konzentration am Ende aber doch in sich haben.
Ein profiliertes Ensemble
Das ist insgesamt ebenso feine wie attraktive Musik. Und das Nationale Dänische Vokalensemble überzeugt in diesem Programm sehr deutlich – ähnlich, wie auf der 2015 erschienenen Platte mit Werken Olivier Messiaens. In der Grundaufstellung sind es 18 Vokalisten, bei Martin 24 – wohl auch wegen der Doppelchörigkeit, die sich wiederum in einzelnen Sätzen noch weiter aufspreizt. In jedem Fall also eine konzentrierte, schlanke Besetzung, die als eigenständige Größe dann auch den Deutungsrahmen bestimmt: Marcus Creeds Fassung mit den Dänen gerät kammermusikalisch, ist gesammelt, bestimmt von großer Präzision und Klarheit. Manchem mag hier eine Spur Magie größerer Register fehlen: Stimmig ist dieser Zugang gleichwohl. Und darin auch anderen großartigen Deutungen der Messe verschieden, etwa denen von Daniel Reuss und dem RIAS Kammerchor oder Harry Christophers und The Sixteen; besetzungsbedingt gänzlich andersartig als James O'Donnells Knaben des Westminster Cathedral Choir es unbestritten großartig gesungen haben, ist es ohnehin.
Doch verfängt der kammermusikalische Ansatz bei den 'Songs of Ariel' wie bei Martinů besonders deutlich, ist die lebendige, von den Texten ausgehende Art des Singens sehr überzeugend. Niemand muss sich sorgen: Größere Kantilenen geraten durchaus nicht schütter, doch werden sie vor allem mit klaren Konturen gebildet. Immer wieder lösen sich expressive Soli souverän aus dem Ensemblekontext. Soli, angesichts deren individueller Größe man erstaunt ist, wie deutlich diese Stimmen dann auch wieder in den Ensembleklang eintreten können. Marcus Creed wählt maßvolle, gelegentlich sogar verhalten wirkende Tempi – der erstaunlich große Atem des Ensembles macht das problemlos möglich. In verhaltener Dynamik wird anmutig differenziert; große Gesten lassen sich gleichwohl äußerst profiliert vernehmen. Die Intonation ist angesichts der Herausforderungen exzellent zu nennen. Eine einzige Irritation ist am Schluss des Sanctus‘ zu verzeichnen: Das emphatisch gerufene E-Dur, das der erste Chor nach kurzer Note abreißen lässt, gleicht dem darunter liegenden, in anderer Lage gesungenen des zweiten Chors durchaus nicht. Mit Blick auf den Klang überwiegen die positiven Befunde: Das Bild ist klar und plastisch, wirkt harmonisch und ausgewogen – eine blitzsaubere Studioaufnahme. Mit letzterem verbindet sich die einzige Einschränkung: Das Moment des räumlichen Charmes geht der Messe ab, den anderen Werken weniger.
Zu hören ist hochkarätige Chormusik des 20. Jahrhunderts. Vor allem Martinůs Chorwerke werden seltener interpretiert. Die großartige Messe von Frank Martin leuchtet kammermusikalisch intensiv. Nach der mehr als beachtlichen Messiaen-Platte erneut eine schöne Visitenkarte des Nationalen Dänischen Vokalensembles und der Zusammenarbeit mit Marcus Creed. 30.04.2018
Interpretation:
Klangqualität: 4
Repertoirewert: 4
Booklet:3