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Magazine Klassik.com (Germany)

July 6, 2012

Jürgen Schaarwächter


Michala Petri widmet sich auf ihrer jüngsten Einspielungen einigen englischen Blockflötenkonzerten des 20. Jahrhunderts zum zweiten Mal. Das Ergebnis kann überzeugen, ist aber nicht in allen Belangen ihrer ersten Einspielung überlegen.
Es ist durchaus üblich, dass Interpreten auch auf Tonträger mehrmals auf dasselbe Werk zurückkommen. Im vorliegenden Fall allerdings ist dies eher überraschend, ist doch die Musik, um die es geht, beim besten Willen nicht zum gängigen Kanon des Repertoires zu zählen. ‚English Recorder Concertos‘ heißt der Titel der CD, und das lässt gleich mehrfach stutzen. Recorder – was ist das? Nun, wir haben es hier tatsächlich mit etwas derart Banalem wie der Blockflöte zu tun, die aber in England einen gänzlich anderen Stellenwert genießt als in anderen Ländern. Begründet ist dies in der großen Renaissance des Instruments, die Arnold Dolmetsch (1858-1940) in den Zwanzigerjahren zunächst mit Blick auf eine Wiederbelebung historischen Repertoires initiierte. Seinem Sohn (1911-1997) gelang es, Komponisten der Gegenwart dafür zu interessieren, neue Werke für das Instrument zu schreiben, und diese Tradition ist bis auf den heutigen Tag nicht mehr abgerissen.
Carl Dolmetsch war der Auftraggeber für Gordon Jacobs Suite für Blockflöte und Streicher (1957-8), ein siebensätziges Werk, das geschickt mit Traditionen spielt. Michala Petri hatte das Werk bereits 1982 für Philips eingespielt; die Aufnahme ist ebenso vergriffen wie jene (1995 bei RCA erschienene) des Blockflötenkonzerts, das Sir Malcolm Arnold 1988 für Petri komponierte. Nun bringt Petri beide Werke auf ihrem eigenen Label heraus, zusammen mit einer neuen Komposition, 'Concerto incantato' von Richard Harvey. Das 2009 entstandene, fünfsätzige Werk komponierte Harvey für das zehnjährige Jubiläum des City Chamber Orchestra of Hong Kong. Auch er betont traditionsbehaftete Linien, evoziert ländliche Landschaften, die es heute in England kaum mehr so gibt – das Booklet bezeichnet das Werk als ein ‚neues Konzert für die Harry Potter-Generation‘. Wäre dies korrekt, wie bald wäre das Werk im heutigen schnelllebigen Kulturwesen vergessen? Harvey ist ausgesprochen deskriptiv, mit extrem traditioneller Klangsprache, die gerne auch auf Filmmusik-Niveau arbeitet und Anleihen zu machen scheint bei Brittens 'Simple Symphony' oder Malcolm Arnold ebenso wie beim Musical Minimalism. Vielleicht am überzeugendsten ist der langsame Satz 'Natura Morte', mit schönen Effekten für die Solistin (aber auch einem unpassenden Panflöten-Vibrato gegen Ende des Satzes). Das City Chamber Orchestra of Hong Kong kann unter Leitung seines Chefdirigenten Jean Tourel in dieser Komposition seine Fähigkeiten bestens präsentieren, und man fragt sich, ob das Orchester (aber ohne die Solistin) nicht etwa ein durchaus respektables Orchester für Debussy und anderes wäre.
Arnolds Blockflötenkonzert (op. 133), obschon deutlich kürzer, ist sowohl interpretatorisch als auch für den Hörer anspruchsvoller: Allgemein wird anerkannt, wie gut Arnold für die jeweiligen Instrumente schreibt. Dieses Lob wird auch Gordon Jacob neidlos zuerkannt, allerdings gelegentlich mit der Einschränkung, das Ganze wirke schlussendlich zu kalkuliert, zu wenig im letzten Moment risikofreudig. Auch die Suite aus den Fünfzigerjahren ist im Grunde nicht wirklich anspruchsvoll, doch durchaus von einer Tiefe, die über das, was die Satzbezeichnungen vermuten ließen, weit hinaus geht. Wo Arnold auch extrovertiert sein konnte, ist Jacob verinnerlicht.
Die beiden Einspielungen des Arnold-Konzerts unterscheiden sich am stärksten im langsamen Satz, wo die neuere Lesart (wie häufig bei späteren Einspielungen) fast eine ganze Minute länger benötigt als die frühere. Insgesamt wirkt sie heute deutlich verinnerlichter, dadurch auch weniger virtuos als zuvor. Dem eigentlichen Wesen der Musik entspricht dies nur bedingt – Arnold ist dafür bekannt, dass seine Musik häufig gerade exuberant zu musizieren ist, gleichzeitig ohne einen Verlust an poetischer Tiefe. Im direkten Vergleich muss ich gestehen, dass mir die frühere Einspielung (die 2006 auch in der großen Decca-Box-Ausgabe der Arnold-Konzerte enthalten ist) stilistisch angemessener scheint. In der Suite (die in der neueren Einspielung stellenweiser kraftvoller genommen wird als in der früheren mit der Academy of St. Martin-in-the-Fields) spielt Petri eine etwas längere Version als 1982, die besonders die 'Burlesca alla rumba' betrifft. Hier wie dort klingt das bei Publikum wie Interpreten gleichermaßen beliebte Werk bestens, und so gibt es gleich bei welcher Wahl kein Vertun.
Nun ist Michala Petri nicht gerade bekannt als vorderste Förderin britischer Musik – wenn es um britische Blockflötenmusik geht, kommt man vielmehr nicht um John Turner herum, den viele der Branche nicht wenig kritisch beäugen, weil er weitgehend Autodidakt ist. Er scheint auch so klug gewesen zu sein, bislang nicht in Petris Repertoire ‚gewildert‘ zu haben, doch hat er zwei volle CDs mit britischen Blockflötenkonzerten des 20. Jahrhunderts vorgelegt (ASV 2002 bzw. Dutton 2005), zudem zahlreichen weiteren Produktionen mit britischer Kammermusik. Vergleicht man Turners Spiel mit dem Petris, so ist Turners Spiel vielleicht ‚ursprünglicher‘, weniger raffiniert als Petris, besonders die Piani betreffend, doch werfe der den ersten Stein, der nur einen Bruchteil jener Werke eingespielt hat, für die sich Turner eingesetzt hat.
Im Booklet spiegelt die aufnahmetechnisch tadellose Produktion vielleicht zu stark die Vorlieben der Interpretin (und Labelbesitzerin) – das Bookletdesign wirkt schon heute bei aller Hochglanzoptik ein wenig altbacken, so dass die (durchaus nicht schlechten) Texte leider ein wenig ins Hintertreffen geraten.
Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert:
Booklet:





German Magazine Klassik.com
(English Translation!)

Michala Petri’s most recent release focuses on a cross section of 20th century English recorder concertos, including several works she previously recorded. The result is convincing, but in many aspects different from her first recordings.

It is quite common for artists to return to a certain work several times and offer a “fresh perspective.”
The present case, however, presents a rather surprising selection of “return visits” if for no other reason, even the best of these works will enter the popular canon of recorder repertoire. The name of the disc is “English Recorder Concertos” – a title that already appears several times in the catalogue, both on disc by Ms. Petri and others.

The recorder – well, how to approach this instrument? While throughout most of Europe, the recorder has survived primarily as an early music and/or student instrument in England, it has enjoyed an entirely different role, almost bordering on prestige. This is due primarily to the instrument’s extraordinary renaissance promulgated by early music specialist and recorder virtuoso Arnold Dolmetsch (1858-1940). Beginning in ‘20s, primarily with a view to performing historic repertoire with a degree of authenticity, his son Carl (1911-1997) continued to family’s mission and succeeded in interesting composers of our time in writing new works for the instrument. And as this disc bears witness, this tradition shows no sign of abating.

Carl Dolmetsch was responsible for commissioning Gordon Jacob’s Suite for flute and strings (1957-8), a seven-movement work that deftly plays with tradition. Michala Petri had previously recorded the
work (for Philips in 1982) as well as Sir Malcolm Arnold’s 1988 Concerto, written for Petri, (for RCA in 1995) however both discs are currently OOP. Now Petri brings both works out on her own label, along with a new composition, “Concerto incantato ‘by Richard Harvey. Harvey’s Concerto was written in 2009 for the ten-year anniversary of the City Chamber Orchestra of Hong Kong. As with his program mates, Harvey shares a basically traditionally approach, evoking the pastoral tradition so favored by English composers, in an effort to create what the booklet describes as a “concerto for the Harry Potter generation.” If this were indeed his intention, one wonders how soon this work might be eclipsed in today’s fast-paced cultural super market. Harvey’s music is very descriptive, and utilizes a very traditional musical language, not surprising considering Harvey’s successful career as a film score composer, as well as suggesting moments of Britten’s ‘Simple Symphony’ or the works of Malcolm Arnold and even a hint of Philip Glass/John Adams-inspired minimalism. Perhaps most convincing is
the slow movement ‘Natura Morte’, with nice effects for the soloist (but alas, also an inappropriate flutter-vibrato towards the end of the movement). The City Chamber Orchestra of Hong Kong performs here under its chief conductor Jean Thorel and presents their ensemble skills well, though one wonders how the orchestra (without a spectacular soloist) might hold its own in a score by say, Debussy?

Arnold’s Recorder Concerto (Op. 133), although much shorter than Harvey’s, demands greater attention from both the interpreter and the listener. It is generally recognized that Arnold wrote effectively for his soloists, especially wind and brass instruments. His teacher Gordon Jacob also shares this praise, but with the difference that despite his facility, Jacob’s music COULD sound too calculated and that he played things a bit on the “safe side.” For example the suite (written in the fifties) is not really very challenging but one respects it was never Jacob’s goal to make any “deep” statement, preferring to have his attractive and idiomatic music accepted on its own terms. Whereas Arnold could be an extrovert, Jacob is more introspective.

Petri’s two recordings of the Arnold concerto differ most strongly in the slow movement, where the current interpretation (as often in later recordings) is almost a full minute longer than the earlier recording. Overall, the new recording is more introspective, the virtuosity is downplayed. The real essence of this music – indeed, as with much of Arnold – is for his music’s ability to be exuberant without a loss of poetic dept. When comparing both interpretations, I must confess that that the earlier recording (which is included in the 2006 Decca box set edition of all of Arnold’s concertos) seems more appropriate stylistically. It is in Jacob’s suite where Petri’s current performance bests her earlier recording with the Academy of St. Martin-in-the-Fields (1982), despite the more deliberate tempos (particularly in the ‘Burlesca alla rumba’). However, both versions are certain to be popular with audiences and performers alike no matter which you choose.

Michala Petri is not exactly known as a leading advocate of British music. In the case of British recorder music, it is difficult to get around mentioning John Turner, even despite the fact the Turner was largely self-taught. He seems to have largely followed his own muse, and has generally avoided duplicating Petri’s repertoire, but still managed to release two full CDs of other 20th century British recorder concertos (ASV 2002 and Dutton 2005), in addition to numerous other productions featuring British chamber music with recorder. A comparison of Turner’s playing with Petri’s reveals the Brit’s approach to be less refined than Petri’s (especially when playing softly) but also, at times more original, though in truth, Petri has only recorded a fraction of those that Turner has.

The booklet reflects the same technically flawless production values we have come to expect from this label, but perhaps maybe too emphatic in its reflection of the preferences of the soloist (and label owner). The glossy booklet design is perhaps a bit conventional and unfortunately the numerous photos sometimes disrupt the flow of the (not entirely bad) texts.
Jürgen Schaarwächter, 07.07.2012