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Great review in Klassik Heute (Germany) 10/10/9

September 7, 2021

Thomas Baack

Am 15. August dieses Jahres beging Jens E. Christensen, Titularorganist der Kopenhagener Vor Frelsers Kirke – auf deutsch Erlöserkirche – seinen 75. Geburtstag und gab kurz zuvor sein Organistenamt nach 32-jähriger Tätigkeit auf. Christensen gehört zu den renommiertesten dänischen Organisten. Er ist Professor für Orgel an der Königlichen Musikhochschule in Kopenhagen. Konzertreisen führten ihn an Spieltische in ganz Europa, wobei Nôtre Dame in Paris als „Ritterschlag“ gelten darf. Sein Abschiedskonzert umfasste die eher selten aufgenommenen opp. 56 und 60 von Robert Schumann, die er am heimatlichen Instrument (IV/59) einspielte
Schumanns „Kunst des Kanons und der Fuge“
Während seiner Schreibblockade der Jahre 1843/44 erkannte Schumann, der ja nie an einem Konservatorium studiert hatte, dass es im Bereich „Kontrapunktik“ noch Lerndefizite gab, Deshalb liehen Clara und er sich im April 1845 eine Pedalklaviatur, um Orgelwerke – vornehmlich Bachs – daheim intensiv zu studieren. Dieses Pedalklavier regte den Komponisten dann zu seinen 6 Studien in Kanonform op. 56 und den 6 Fugen über B-A-C-H op. 60 an. Die Fugen bezeichnete er in einem Brief an seinen Verleger als „…eine Arbeit, von der ich glaube, dass sie meine anderen vielleicht am längsten überleben wird.“ Beide Opera sind zukunftsweisend: Die Studien für das französische Stimmungsstück eines Lemmens, Guilmant oder Widor (Anspieltipp Tr. 9, der genauso gut von Lefébure-Wély sein könnte); die Fugen für das Orgelwerk Max Regers. Letzteren dürften besonders die zu Beginn und Schluss stehenden „Steigerungsfugen“ beeindruckt haben. Dieses Prinzip der durchgehenden Steigerung setzte Bach erstmalig in seiner Es-Dur-Fuge allerdings noch abschnittsweise um, Mendelssohn und Schumann kamen wohl gleichzeitig – darin durchaus auch von Beethoven beeinflusst – auf den Gedanken, dies in eine durchgehende Gestalt zu gießen.
Interpretation aus dem Verständnis von Geschichte und Gegenwart
Das formidable Können von Jens E. Christensen ermessen wohl nur diejenigen, die selbst versucht haben, die Studien op. 56 auf der Orgel überzeugend zu interpretieren. Deren Satz ist nämlich mit seinen tiefen Mittelstimmen und teilweise dicken Begleitakkorden äußerst pianistisch. Hier Transparenz zu schaffen und trotzdem die Melodien mit feinstem Mikro-Timing ins Schwingen zu bekommen, bedarf einer meisterlichen Technik und Musikalität. Die Fugen bedürfen in ihrer kompositorischen Komplexität einerseits der intellektuellen Durchdringung der Fugenkünste (Augmentation, Diminution, Umkehrung, Krebs) – hier ist eine Auseinandersetzung mit Zwölftonkompositionen keinesfalls schädlich. Andererseits bedürfen sie eines langen Atems und einer virtuosen Pedaltechnik.
Christensen erfüllt beide Kriterien in Vollendung und kann dabei durch ein eher barockes, an Froberger-Ricercaren und spanischen Tientos geschultes Artikulieren, das manchen vermeintlichen Legato-Bogen des Originals als Phrasierungsangabe auffasst, seine Erkenntnisse auch verdeutlichen. Die Klangtechnik macht alles richtig. Die Dynamik des sehr farbig – aber dennoch eher barock als romantisch klingenden – Instruments wird hervorragend eingefangen, ohne dass es zu Exzessen käme. Das Booklet ist jedoch eher ein Ärgernis. Was bringt die ausführliche Betrachtung des dänischen Musiklebens um 1820 zu Beginn des Textes für einen Erkenntnisgewinn? Warum findet sich im gesamten Booklet keine Information über die hervorragend klingende Orgel? Hätte man auf die Werbung für Eigenproduktionen der letzten drei Seiten verzichtet, hätte sich wohl noch genügend Platz für Disposition und einige Registrierungen gefunden! Dafür ziehe ich im Gesamteindruck klar einen Punkt ab.
Fazit: Sehr gelungene Einspielung der beiden wichtigen Schumann Opera für die Orgel. Eigentlich bevorzuge ich für die „Studien“ die Trio-Bearbeitung von Theodor Kirchner, muss jedoch zugeben, dass – wenn ein Könner sie spielt – auch die Orgelfassung sehr reizvoll ist. Für die Fugen , die mich hier weit mehr überzeugen als in der Einspielung von Simon Preston auf einem spätromantischen Instrument, empfiehlt es sich, den Notentext mitzulesen und mitzudenken. Abgesehen vom Beiheft allen Interessenten empfohlen.Thomas Baack [08.09.2021]
www.klassik-heute.de/4daction/www_medien_einzeln?id=23715

Google Translation:

Schumann's "Art of the Canon and the Fugue"
During his writer's block in 1843/44, Schumann, who had never studied at a conservatory, recognized that there were still learning deficits in the field of "counterpoint". That is why he and Clara borrowed a pedal board in April 1845 to do organ works - mainly by Bach - at home to study intensively. This pedal piano then inspired the composer to do his 6 Studies in Canon Form, Op. 56 and the 6 Fugues on B-A-C-H, Op. 60. In a letter to his publisher, he described the fugues as "... a work that I believe will perhaps outlive my others the longest." Playing tip Tr. 9, which could just as well be from Lefébure-Wély); the fugues for Max Reger's organ works. The latter are likely to have been particularly impressed by the “expansion joints” at the beginning and the end. Bach implemented this principle of continuous heightening for the first time in his E-flat major fugue, however, Mendelssohn and Schumann probably at the same time - influenced by Beethoven - had the idea of pouring this into a continuous shape.

Interpretation from an understanding of past and present

The formidable ability of Jens E. Christensen can only be judged by those who have tried to convincingly interpret the Studies op. 56 on the organ. Their movement is extremely pianistic with its deep middle voices and sometimes thick accompanying chords. Creating transparency here and still getting the melodies swinging with the finest micro-timing requires masterly technique and musicality. In their compositional complexity, the fugues require, on the one hand, the intellectual penetration of the fugitive arts (augmentation, diminution, inversion, cancer) - here a discussion of twelve-tone compositions is by no means harmful. On the other hand, they need a lot of breath and a virtuoso pedal technique.
Christensen perfectly fulfills both criteria and can also clarify his findings through a rather baroque articulation, trained on Froberger ricercars and Spanish tientos, which takes some of the supposed legato slurs of the original as phrasing information. The sound technology does everything right. The dynamic of the very colorful - but still more baroque than romantic sounding - instrument is captured excellently without causing excesses. However, the booklet is more of a nuisance. What does a detailed examination of Danish musical life around 1820 at the beginning of the text bring to an increase in knowledge? Why is there no information about the excellent sounding organ in the entire booklet? If the last three pages had not been advertised for in-house productions, there would have been enough space for scheduling and a few registrations! For that I deduct a point from the overall impression.

Conclusion:
Very successful recording of the two important Schumann operas for the organ. Actually, I prefer the trio arrangement by Theodor Kirchner for the “Studies”, but I have to admit that - if an expert plays it - the organ version is also very attractive. For the fugues, which convince me far more than in the recording by Simon Preston on a late romantic instrument, it is advisable to read the musical text along and think along with it. Apart from the leaflet, it is recommended to all interested parties. Thomas Baack [September 8th, 2021]