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Klassik.com (Germany) "schön - 5 stars Überragend"

Miguel Cabruja Klassik.com

Axel Borup-Jørgensens (1924–2012) Orchesterwerk 'Marin' beginnt leise grollend wie aus weiter Ferne. Dann aber verdichtet 'Marin' sich, spitzt sich zu, schwillt an und zieht den Zuhörer in einen Strudel heranrollender, sich überschlagender Klangwellen, um dann wieder abzuebben und zu verklingen. Die 1970 von Herbert Blomstedt uraufgeführte, riesenhafte Komposition mit 55 notierten Streicherstimmen zeichnet kein lieblich-maritimes Naturbild. Sie ergeht sich auch nicht in Klischees – weder in denen der musikalischen Moderne noch in denen einer wie auch immer gearteten Nachromantik. 'Marin' ist wohl das bedeutendste Orchesterwerk Borup-Jørgensens. Als solches steht es im Zentrum der Doppel-Box, die das dänische Label OUR Recordings dem in Hjørring geborenen und in Schweden aufgewachsenen Komponisten gewidmet hat.

Repräsentativer Querschnitt

Hervorragend durch das DR SymfoniOrkestret (Leitung: Thomas Søndergård) interpretiert, eröffnet 'Marin' die in brillantem Raumklang eingespielte SACD der Doppel-Box. Die folgenden Kompositionen für Ensembles und Soloinstrumente ergeben einen repräsentativen Querschnitt durch Borup-Jørgensens Werk. Zu hören sind 'music for percussion + viola', 'Für Cembalo und Orgel', 'Nachtstück', 'winter pieces', 'Pergolato' und 'Coast of Sirens'. Sie alle zeigen einen Komponisten, der in den 1950er Jahren die Darmstädter Ferienkurse besuchte, sich aber nicht seriellen Tendenzen oder elektroakustischen Experimenten zuwandte, sondern stattdessen seine Inspirationen in der schwedischen Natur und Poesie fand. Das wird vor allem auch in der Komposition 'Coast of Sirens' deutlich, die sich mit dem Odysseus-Mythos auseinandersetzt. Das exzellent von der Århus Sinfonietta (Leitung: Søren Kinch Hansen) interpretierte Stück für Flöte, Klarinette, Violine, Cello, Gitarre, Klavier, Perkussion und Multivoice Tape scheint wie aus archaischer Vergangenheit herüberzuwehen und ist in seiner unromantischen Naturhaftigkeit faszinierend düster und verstörend schön zugleich.

Geheimnisvolle Unterwasserwelt

Den Tonträger ergänzt die Box durch eine DVD, die unter dem schlichten Titel 'Axel' (Produktion: Allan O Lückow und Lars Hannibal) ein Portrait des Komponisten enthält. Zeitgenossen, Weggefährten, Kollegen sowie die Tochter Borup-Jørgensens tragen zu der Dokumentation bei. Auf der DVD ist außerdem ein computeranimierter Film (Regie: Morten Bartholdy) zu sehen, der 'Marin' in bewegte Bilder übersetzt: Zu den Klängen der auch auf der SACD enthaltenen Einspielung führt die Animation in eine geheimnisvolle Unterwasserwelt, in der sich mythologisch wirkende Wesen durch surreale Stadträume und Bauten bewegen. Auch wenn das visuelle Konzept auf Zeichnungen Borup-Jørgensens basiert, ist der Film ausdrücklich kein Versuch, seine Musik zu bebildern oder zu erläutern. Für manche mag er eine Hilfe sein, sich auf 'Marin' einzulassen. Andere werden sich lieber mit der Musik allein auseinandersetzen wollen. Beides lohnt sich in jedem Fall.

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