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Tibia (Recorder Magazine Germany) " Nicht zuletzt wegen der Veröffentlichung dieses hervorragenden Werkes sei die CD allen an zeitgenössischer Musik Interessierten wärmstens emp-fohlen."

Markus Bartholomé

Tibia (Recorder Magazine Germany)
Rezension zur CD German & French Recorder Concertos
Markus Zahnhausen: Recordare
Fabrice Bollon: Your Voice Out of the Lamb
Günter Kochan: Musik für Altblockflöte, 25 Streichinstrumente und Schlagwerk
Michala Petri, Odense Symphony Orchestra, Christoph Poppen
OUR Recordings 6.220614

Hinter dem etwas unscheinbaren Titel des Programmes verbergen sich große Kaliber: drei neue Werke für Blockflöte und Orchester - zwei Auftragswerke von Fabrice Bollon und Markus Zahnhausen, beide 1965 geboren, und die Ersteinspielung eines Werkes aus dem Jahr 2000 von Günter Kochan (1930 - 2009).
Michala Petri ist als Spielerin und Initiatorin neuer Musik mit dieser CD ein wirklich großer Wurf gelungen: ihre Virtuosität in den Dienst der neu entstandenen Musik stellend gelingt es ihr auch hi-er scheinbar mühelos, den typischen "Petri-Sound" in seiner unverkennbaren Klarheit zu erzeugen und gleichzeitig mit großer Wandlungsfähigkeit den jeweiligen klanglichen und musikalischen An-forderungen der unterschiedlichen Werke gerecht zu werden.
"Menschenfreundliche Musik" zu schreiben sei sein Ziel, so wird Kochan im Booklet der vorliegenden CD zitiert - und diesen Ansatz scheinen auch die beiden anderen Komponisten der drei neuen Blockflötenkonzerte zu verfolgen. Ihre künstlerischen Ansatzpunkte und musikalischen Register sind zwar grundverschieden, jedoch nehmen sie jeweils in ihrer ganz persönlichen Art sich und ihre Hörer als Partner ernst - ohne Überheblichkeit, ohne Anbiederung.
Markus Zahnhausens Recordare entwickelt aus der Kombination von Blockflöte(n) und großem Or-chester eine farbig schillernde Palette klanglicher Schattierungen, den Klang der Blockflöte durch die fein gearbeitete Instrumentierung von ganz verschiedenen Seiten beleuchtend. Er verwehrt sich den Griff in die Zauberkiste der spieltechnischen Kunstfertigkeit, wie man es bei einem Solokonzert erwarten könnte, und bietet stattdessen ein ganz eigenständiges und in seiner emotionalen Kraft überaus eindrückliches Werk - Virtuosität nicht an der Oberfläche sondern im Inneren des musikalischen Erzählens. Angelegt als Tombeau für den im Krieg gefallenen, unbekannten Großva-ter weitet sich das Werk aus dem rhapsodisch klagenden Beginn der Soloblockflöte zu einem wilden Höhepunkt. Ein besonders anrührender Moment entsteht am Schluss: die Musik ist zu einer kargen Klanglandschaft gefroren, über der einsam die Töne der Sopraninoflöte schweben. Die Blockflöte steht in dieser musikalischen Erzählung nicht als virtuoser Held an der Bühnenrampe, vielmehr wird ihr natürlicher Klang zum Zentrum des orchestralen Geschehens: sinfonische Dramatik, wie man sie in einem "Blockflötenkonzert" zunächst nicht erwartet, die aber mit ihrer geradezu zwingenden Energie den Hörer gefangen nimmt.
Einen ganz anderen Weg schlägt der auch als Dirigent erfolgreich tätige Franzose Fabrice Bollon ein. Schon im Titel wird klar, dass sich der Komponist ein Sujet wählte, das man für ein Blockflöten-konzert wohl so nicht erwartet hat. "Your voice out of the Lamb" ist eine Hommage an die Progres-sive-Rocker von Genesis. Klingt diese Verbindung zunächst etwas abstrus, so kann das Ergebnis dur-chaus überzeugen. Der Grundidee folgend werden die Blockflöten elektronisch verstärkt und bear-beitet und das Orchester mit Keyboard und Drumset erweitert. Doch nicht nur klanglich gelingt Bol-lon, der sein Komponieren mit der Kunst eines Koches vergleicht, ein ansprechendes Gericht: ge-heimnisvoll pulsierende langsame Teile wechseln mit virtuosen Passagen, die in ihrer treibenden Mechanik sowohl an die Soli aus den Vivaldikonzerten als auch an Improvisationen eines Jazz- oder Rockmusikers erinnern.
Nicht nur wegen der beiden Auftragskompositionen lohnt es sich, diese CD in Ohrenschein zu neh-men: Mit der Ersteinspielung von Günter Kochans "Musik für Altblockflöte, 25 Streichinstrumente und Schlagwerk" bewahrt Michala Petri zusammen mit dem Dirigenten Christoph Poppen und dem engagiert zupackenden Odense Symphony Orchestra ein wahres Meisterwerk vor einem unverdien-ten Dornröschenschlaf in der berüchtigten Schublade. Wegen seiner aufwändigen Besetzung und gerade auch durch seine komplexe Faktur sowie die durchweg hohen Anforderungen an die musika-lischen und spieltechnischen Fähigkeiten aller Beteiligten ist eine Aufführung des Stückes keine leichte Aufgabe. Doch Inspiration und Können der beteiligten Musiker vermögen durchweg zu ze-igen, welches musikalische Kleinod hier für das Blockflötenrepertoire gehoben werden konnte. "Musik" steckt voller rhythmischer und satztechnischer Finesse: im dritten Satz etwa die in ihrer Einfachheit und Klarheit schmerzlich berührende Melodielinie der Flöte, im vierten Satz ein Fugato, das an die polyphone Instrumentationskunst Weberns erinnert, oder im sechsten Satz ein wilder, virtuoser Parforceritt im Fünfertakt ... Die Aufnahme beweist, zu welch müheloser Meisterschaft Kochan fähig war und ist ein überzeugendes Plädoyer für das Spätwerk dieses leider zu schnell in Vergessenheit geratenen großen Komponisten. Nicht zuletzt wegen der Veröffentlichung dieses hervorragenden Werkes sei die CD allen an zeitgenössischer Musik Interessierten wärmstens emp-fohlen.

Markus Bartholomé, May 2016

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