Two Great 5 stars reviews in Pizzicato (LU)
October 10, 2026
Remy Franck and Uwe Krusch
Pizzicato (LU)
5 notes
2 reviews
Musik des einfallsreichen Poul Ruders
https://www.pizzicato.lu/musik-des-einfallsreichen-poul-ruders/
Transfigurations; Poul Ruders: A double portrait for recorder solo and string orchestra (2022) + A Movable Concerto. Five short pieces for positive organ and string (2023) + Concerto for harpsichord and symphony orchestra (2019); Michala Petri, Blockflöten, Peter Navarro-Alonso, Orgelpositiv, Kremerata Baltica, Andris Veismanis, Mahan Esfahani, Cembalo, Aarhus Symphony Orchestra, Leif Segerstam; # Our Recordings 8.226937; Aufnahmen 12.2025, 09.2020, Veröffentlichung 09.10.2026 ( 59'01) - Rezensionen von Remy Franck & Uwe Krusch (For English, please scroll down)
Remy Franck: Dieses Album vereint drei relativ rezente Kompositionen des Dänen Poul Ruders (* 1949). ‘Transfigurations: Ein Doppelporträt für Blockflöten und Streichorchester’ (2022) ist eine musikalische Reise der Veränderungen, zu denen auch die verwendeten Blockflöten zählen.
Michala Petri muss in diesem Stück die verschiedenen Mitglieder der Blockflötenfamilie benutzen, von der Tenor- über die Sopran- und Altflöte bis hin zur Sopraninoflöte und wieder zurück. Mit der ihr eigenen technischen und musikalischen Souveränität meistert sie ihren Solopart und wird dabei von der Kremerata Baltica ausdrucksvoll begleitet. Im Orchesterpart überrascht uns Ruders mit den variabelsten Texturen.
‘A Movable Concerto: Fünf kurze Stücke für Positiv und Streicher’ (2023), wurde auf Anregung von Peter Navarro-Alonso, Organist und Chorleiter an der großen Barockkirche Vor Frelsers Kirke (Kirche Unser Heiland) in Kopenhagen. Ruders spricht bei diesem Stück von Händel-Connections und wechselt tatsächlich von barockinspirierten minimalistischen Figurationen und niederländischen Drehorgel-Spielereien zu zeitgenössischen Klängen. Die sehr stimmungsvolle Interpretation ist von größter Expressivität.
Das Programm endet mit dem Konzert für Cembalo und Orchester (2019), das für Mahan Esfahani komponiert und von ihm und dem Symphonieorchester Aarhus unter der Leitung des verstorbenen Leif Segerstam uraufgeführt wurde. Das Orchester entwirft im ersten Satz und im Finale weite Klangräume, in deren Zentrum sich das Cembalo rhythmisch immer wieder überraschend bewegt.
Poul Ruders, der selbst gelegentlich Cembalo spielt, beschreibt dieses Konzert als „eine Gelegenheit, die perfekte Symbiose zwischen ‘gestern‘ und ‘heute‘ zu schaffen, ohne in abgedroschenen Neoklassizismus zu verfallen“. Insbesondere im fieberhaft drängenden Vivace Martellato kann Esfahani seine Virtuosität beweisen. Dazwischen steht ein Andante, in dem das Orchester sehr nachdenklich klingt, während Esfahani eine zarte, Kantilene spielt.
Das Album stellt uns damit Ruders als einen schier endlos einfallsreichen Komponisten vor, dessen Musik, so reich sie auch an Motiven und stilistischen Wechseln ist, immer die Expressivität und das Bilden von Stimmungen im Fokus hat. Remy Franck
English Translation
Remy Franck: This album brings together three relatively recent compositions by the Danish composer Poul Ruders (b. 1949).
‘Transfigurations: A Double Portrait for Recorders and String Orchestra’ (2022) is a musical journey of transformations, which also include the recorders used. In this piece, Michala Petri must use the various members of the recorder family, ranging from the tenor, soprano, and alto recorders to the sopranino recorder and back again. With her characteristic technical and musical mastery, she performs her solo part with ease, accompanied expressively by the Kremerata Baltica. In the orchestral part, Ruders surprises us with the most varied textures.
‘A Movable Concerto: Five Short Pieces for Positive Organ and Strings’ (2023) was commissioned by Peter Navarro-Alonso, organist and choir director at the great Baroque church Vor Frelsers Kirke (Church of Our Savior) in Copenhagen. Ruders speaks of “Handel connections” in this piece and indeed shifts from Baroque-inspired minimalist figurations and Dutch barrel-organ-style flourishes to contemporary sounds. The highly atmospheric interpretation is of the utmost expressiveness.
The program concludes with the Concerto for Harpsichord and Orchestra (2019), composed for Mahan Esfahani and premiered by him and the Aarhus Symphony Orchestra under the baton of the late Leif Segerstam. In the first movement and the finale, the orchestra creates expansive sonic spaces, at the center of which the harpsichord moves rhythmically in ever-surprising ways.
Poul Ruders, who occasionally plays the harpsichord himself, describes this concerto as “an opportunity to create the perfect symbiosis between ‘yesterday’ and ‘today’ without falling into trite neoclassicism.” Esfahani is able to demonstrate his virtuosity particularly in the feverishly urgent Vivace Martellato. In between is an Andante in which the orchestra sounds very contemplative, while Esfahani plays a delicate cantilena.
The album thus introduces us to Ruders as a composer of seemingly boundless ingenuity, whose music, as rich as it is in motifs and stylistic shifts, always focuses on expressiveness and the creation of moods. Remy Franck 10/10/26
Uwe Krusch – Wer mit der Blockflöte, dem Cembalo und dem Orgelpositiv barocke Musik verbindet, liegt hier ausnahmsweise falsch. Denn Poul Ruders hat für seine Kompositionen die Tradition als Weitergabe des Feuers verstanden und die Instrumente in einen Bezug zu aktueller Musik gestellt. Wobei die gewählten Instrumente für den dänischen Komponisten auch eine Brücke in die frühere Epoche herstellen. Ruders gelingt eine über eine rein neoklassizistische Schreibweise hinausgehende eigene Annäherung, die einen andersartigen Hörreiz evoziert.
Das wird insbesondere in ‘Ein bewegliches Konzert’ deutlich, bei dem Ruders an eine prägende Erfahrung als Kind anknüpft, bei der er ein Orgelkonzert von Händel hörte. Die Verbindung zu dem barocken Komponisten ist in der Instrumentenkombination und den kurzen, leicht bearbeiteten Zitaten manifestiert. Und wenn außerdem an einer Stelle der Klang an eine niederländische Drehorgel erinnert, dann ist andererseits auch das so gewollt.
Der auf die modernen Möglichkeiten des Orgelspiels ausgerichtete Peter Navarro-Alonso versteht es, den fünf Soloparts Charakteristika zu verleihen, so dass die Möglichkeiten vom rhythmisch prägnanten Hämmern bis zum schwebend fließenden Legato gehoben werden. Technisch ausgereift und interpretatorisch auf den Punkt präsentiert er das Werk.
In ‘Transfigurations, Ein Doppelporträt für Blockflöte und Streichorchester’ verarbeitet Ruders eine Gestalt oder Figur so, dass sie auf ihrem Weg Wandlungen durchläuft. In den beiden Stücken ist das an den fast gleichen ersten Takten erkennbar. Doch die Wege trennen sich und zeigen zwei Seiten derselben Medaille. Eine andere Art von Wandel vollzieht sich in dem Stück mit der Weitergabe der Sololinie an verschiedene Blockflöten. Die deutlich herausstehende Solostimme konzertiert nicht im klassischen Sinne mit den Streichern, sondern stellt die Solistin sehr deutlich in den Vordergrund.
Ruders hat das Werk mit Michala Petri, Doyen des Blockflötenspiels, dezidiert abgestimmt. Deswegen weiß sie elegant wie ein Fisch im Wasser schwimmend den Solopart vorzutragen und zu gestalten. In ihren Händen wird erlebbar, wie meisterhaft das Instrument abseits der Schülertristesse klingen kann.
In beiden Werken steht die Kremerata Baltica mit Andris Veismanis den Solisten zur Seite. Mit ihrem kammermusikalisch geraden und mitunter etwas angespitzten, sonst aber lebendig patent auf die Musik eingehenden Spiel, liefern sie die Umgebung für die Soloparts.
Die Symbiose zwischen Gestern und Heute strebt Ruders mit seinem Cembalokonzert an. Bezüglich der Interpretation dieses Konzertes wird auf die Besprechung der bereits zuvor erfolgten Einzelveröffentlichung verwiesen: Uwe Krusch – 10.10.26:
English Translation
Anyone who associates Baroque music with the recorder, the harpsichord, and the positive organ is, for once, mistaken. For Poul Ruders has understood tradition in his compositions as the passing on of a flame and has placed these instruments in the context of contemporary music. At the same time, the instruments chosen by the Danish composer also serve as a bridge to that earlier era. Ruders succeeds in developing his own approach that goes beyond a purely neoclassical style, evoking a different kind of auditory appeal.
This becomes particularly clear in ‘Ein bewegliches Konzert,’ in which Ruders draws on a formative childhood experience of hearing a Handel organ concerto. The connection to the Baroque composer is evident in the combination of instruments and the brief, lightly adapted quotations. And when, at one point, the sound is reminiscent of a Dutch barrel organ, that, too, is intentional.
Peter Navarro-Alonso, whose approach is geared toward the modern possibilities of organ playing, knows how to imbue the five solo parts with distinct characteristics, thereby showcasing the full range of possibilities, from rhythmically forceful hammering to a floating, flowing legato. He presents the work with technical mastery and interpretive precision.
In ‘Transfigurations, A Double Portrait for Recorder and String Orchestra,’ Ruders develops a character or figure in such a way that it undergoes transformations along the way. In both pieces, this is evident in the nearly identical opening measures. Yet their paths diverge, revealing two sides of the same coin. A different kind of transformation takes place in the piece as the solo line is passed on to various recorders. The distinctly prominent solo part does not interact with the strings in the classical sense but rather places the soloist very clearly in the foreground.
Ruders has carefully tailored the work to Michala Petri, the doyenne of recorder playing. As a result, she performs and interprets the solo part with the elegance of a fish swimming in water. In her hands, one can truly experience just how masterfully the instrument can sound, far removed from the dreariness often associated with student performances.
In both works, the Kremerata Baltica, led by Andris Veismanis, accompanies the soloists. With their chamber-music-style playing, straightforward and at times somewhat sharp, yet otherwise lively and attuned to the music, they provide the perfect backdrop for the solo parts.
Ruders aims for a symbiosis between the past and the present with his harpsichord concerto. For a discussion of the interpretation of this concerto, please refer to the review of the previously released standalone recording: Uwe Krusch 10/10/2026
https://www.pizzicato.lu/das-cembalo-als-brucke-zwischen-heute-und-damals/
Poul Ruders: Cembalo Konzert; Mahan Esfahani, Cembalo, Aarhus Symfoniorkester, Leif Segerstam; 1 Digital Release Our Recordings CC 9.70896; Aufnahme 09.2020, Veröffentlichung 29.04.2022 (20'58) – Rezension von Uwe Krusch
5 notes
Das Cembalo einem Sinfonieorchester gegenüber zu stellen, mag auf den ersten Blick sinnlos erscheinen. Wie soll dieses zart zirpende Instrument gegen die Massen an lauten Instrumenten ankommen? Und überhaupt, Cembalo und Moderne? Aber wir sind im 21. Jahrhundert und da geht vieles in sorgfältiger Ausgestaltung. Das klangliche Ungleichgewicht kann man mit dezenter Verstärkung des Tasteninstruments heute so ausgestalten, dass es hörbar ist und die Technik trotzdem im Hintergrund bleibt. Und warum nicht sollte man es nicht in heutige Klangsprache führen? Im Grunde sind die meisten Instrumente ja alte, wenn auch weiter entwickelte.
Poul Ruders, der ohnehin speziell und zugleich vielseitig ist, hat sich, angeregt durch einen Kompositionsauftrag aus Aarhus, an diese Aufgabe gewagt. In reizte auch die Idee, aus der Historie in die Gegenwart zu hören und andersherum auch. Die Sätze sind alle gleich lang mit je sieben Minuten und haben damit etwa barocke Ausdehnung. Herausgekommen ist ein äußerlich klassisches Werk in drei Sätzen, schnell, langsam und lebhaft.
Der langsame Satz geht dann den lyrischen Pfad, wobei die kurz nachhallenden Töne eines Cembalos auch da nicht wirklich eine romantisch ausgiebige Melodie zulassen. Aber der dritte Satz erklingt dann wirklich mechanisch gehämmert. Wobei auch der erste Satz schon, zumindest in der Solostimme, etwas von perkussiv Gestanztem hat.
Ruders gelingt es jederzeit, unabhängig von der technischen Verstärkung, dem Cembalo Freiraum zu lassen.
In dieser Aufnahme der Uraufführung kann das Cembalo seine solistischen Passagen auch dadurch frei vortragen, weil die Komposition die entsprechenden Freiräume zwischen Orchesterpassagen gibt. Aber auch wenn das Ensemble begleitet, schaffen ausgewählte und dezent eingesetzte Instrumentengruppen es, die Balance nicht zu überfordern. Im Klang kann man die Nähe zur Minimal Music mit den gehämmerten und sich nur leicht verändernden Entwicklungen nicht immer leugnen, aber Ruders wäre nicht Ruders, wenn er nicht auf seinem eigenen Weg durch die Komposition führen würde. Insgesamt bietet das Werk eine tragende Mischung aus moderner und auf barocke Sprache zielender Symbiose, die aufgeht. Doch überwältigt mich das Stück wiederum auch nicht. Aber solche Aspekte sind auch eine Frage des persönlichen Geschmacks.
Mit Mahan Esfahani ist einer der momentan gefragtesten Cembalisten unserer Tage zu hören, der neben den spieltechnischen Voraussetzungen die nötige Neugier und das erforderliche musikalische Gespür mitbringt, sich eine solche Komposition zu erobern. Deswegen gelingt ihm eine spannende und intensive Interpretation. Lediglich punktuell mag der Eindruck entstehen, dass alle Beteiligten das neue Werk noch etwas vorsichtig und ehrfurchtsvoll angegangen haben, wo noch mehr Expressivität gut getan hätte.
Mit Leif Segerstam hat das Sinfonieorchester aus Aarhus, das den Kompositionsauftrag vergeben hat, eine ebenso versierten wie jung gebliebenen Dirigenten, der die Fäden angemessen zusammen hält und das Orchester zu rhythmisch animiertem und aufmerksam den Solisten begleitendem Tun formiert.
English Translation
To juxtapose the harpsichord with a symphony orchestra may seem senseless at first glance. How is this delicately chirping instrument supposed to compete with the masses of loud instruments? And anyway, harpsichord and modernity? But we’re in the 21st century, and a lot goes into careful design. Today, the tonal imbalance can be designed with discreet amplification of the keyboard instrument in such a way that it is audible and the technology still remains in the background. And why not bring it into today’s sound language? Basically, most of the instruments are old, but have been technically improved.
Poul Ruders, who is special and versatile at the same time, dared to take on this task, inspired by a commission from Aarhus. He was also attracted by the idea of listening from the past to the present and vice versa. The movements are all of the same length, seven minutes each, and thus have a more or less baroque extension. The result is an outwardly classical work in three movements, fast, slow and lively.
The slow movement then takes the lyrical path, with the briefly reverberating notes of a harpsichord not really allowing for a romantically expansive melody there either. But the third movement then sounds truly mechanically hammered. Whereby also the first movement already, at least in the solo part, has something of percussive dance.
Ruders succeeds at all times, regardless of technical amplification, in giving the harpsichord free rein.
In this recording of the premiere, the harpsichord is also able to perform its solo passages freely because the composition gives the appropriate spaces between orchestral passages. But even when the ensemble accompanies, selected and discreetly used instrumental groups manage not to overtax the balance. In sound, one cannot always deny the proximity to minimal music with the hammered and only slightly changing developments, but Ruders would not be Ruders if he did not lead through the composition on his own path. Overall, the work offers a sustaining blend of modern and baroque language-targeting symbiosis that works out. Yet, again, the piece does not overwhelm me either. But such aspects are also a matter of personal taste.
Mahan Esfahani is one of the most sought-after harpsichordists of our time, who, in addition to the technical requirements, has the necessary curiosity and musical intuition to perform such a composition. Therefore he succeeds in an exciting and intensive interpretation. Only at certain points the impression may arise that all participants still approached the new work somewhat cautiously and reverently, where even more expressivity would have done good.
In Leif Segerstam, the symphony orchestra from Aarhus, which commissioned the composition, has a conductor who is as accomplished as he is young at heart, holding the threads together appropriately and forming the orchestra into rhythmically animated action that attentively accompanies the soloist.

